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Aachener und Munchener Feuer-Versicherungs-Gesellschaft

Aachener und Munchener Feuer-Versicherungs-Gesellschaft

Seit jeher ist menschliches Denken auf die Überwindung des Zufalls und seiner vielen Bösartigkeiten gerichtet. Den Philosophen der Antike erschien es bereits als hohes Ziel der Gesittung, die Regellosigkeit des Unberechenbaren durch die Regel, das Chaos durch Ordnung und Vorsorge zu überwinden.

Der Gelehrte, in dessen stilles Gemach uns Schiller führt, "sucht das vertraute Gesetz in des Zufalls grausenden Wundern". So steht es in dem 1795 entstandenen Gedicht "Der Spaziergang" inmitten einer kühnen Vision des mit dem 19. Jahrhundert heraufdämmernden Zeitalters der Technik. Es ist, als hätte der Dichter geahnt, dass dieses Zeitalter zugleich mit den unerhörten technischen Errungenschaften auch eine praktische Antwort auf die Frage bringen würde, wie sich der Mensch des Zufalls erwehren kann. Diese Antwort, bescheiden und großartig zugleich, bestand in der Entwicklung des modernen Versicherungswesens. Bescheiden war sie, weil sie von dem Eingeständnis ausging, dass es dem Menschen trotz aller gewaltigen Fortschritte der Wissenschaft und der Technik versagt ist, den Zufall, das Unvorhergesehene, zu beseitigen oder zu meiden. Unglücksfälle werden niemals aufhören, und alles Bemühen, den Gefahren zu entgehen oder sie zu unterdrücken, vermag die Unsicherheit nicht aus der Welt zu schaffen.

Dieser Erkenntnis gegenüber setzt nun die großartige Verwirklichung des Versicherungsgedankens ein, der sich die Welt eroberte, als er in dem Gesetz der großen Zahl die Waffe gefunden hatte, um den Zufall, den wir nicht ausrotten können, wirtschaftlich unschädlich zu machen. Von einer großen Anzahl gleichartig bedrohter Objekte wird erfahrungsgemäß immer nur ein Bruchteil tatsächlich von Schäden betroffen. Diese Schäden, für den einzelnen untragbar, machen - auf die Gesamtheit der Beteiligten gerechnet - nur einen für jeden erträglichen Betrag aus. Nach diesem Prinzip verwandelt die Versicherung die Gefahr des wirtschaftlichen Ruins durch Brand oder andere Unglücksfälle in einen Unkostenfaktor, der so mäßig ist, dass er von dem Industrie-Unternehmen, von dem Kaufmann, von dem landwirtschaftlichen Betrieb, von dem Privathaushalt spielend getragen werden kann, aber auch - das hat die Erfahrung gelehrt - getragen werden muss. Auf diese Weise wird die Versicherung für die Wirtschaft wie für die breite Masse zur Helferin. Sie gewährt Hilfe, denn sie gibt allen von ihr Betreuten das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit, sie trocknet viele Tränen, sie verleiht dem Menschen nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch seelischen Rückhalt.

Das alles erreicht sie auf eine höchst natürliche Weise, indem sie statt Almosen den Rechtsanspruch auf Entschädigung gewährt. Sie verwirklicht also ihre idealen Ziele nicht etwa auf karitativer, sondern auf rechtsgeschäftlicher Grundlage und nimmt dabei das dem gesunden Erwerbstrieb verwandte Interesse der Individuen an der Erhaltung ihres Eigentums zum erlaubten Vorspann. In diesem Aufbau des Systems der Individualversicherung liegt zugleich eine der vielen Rechtfertigungen dafür, dass Versicherung in allen Ländern als Gewerbe betrieben wird. Der Geschichte der alten Gesellschaft, deren nun 175-jähriges Wirken einen beträchtlichen Reichtum an Erfahrungen gebracht hat, sollen die nachfolgenden Gedanken gewidmet. Sie liefern klassische Beispiele dafür, wie privatwirtschaftliches Streben und sorgendes Bemühen um die Leistungsfähigkeit zugleich auch die gesteckten idealen Ziele verwirklichen helfen, mehr noch, dass beides in fruchtbarer Wechselwirkung zueinander steht.

Gleichzeitig soll unser Buch „Feuerwehrverbandsarbeit in Sachsen-Anhalt (erschienen 1999 im Mitteldeutschen Verlag, ISBN3-932776-77-1) insbesondere der Abschnitt, der sich mit der sozialen Absicherung der Feuerwehrleute beschäftigt, fortgeschrieben werden. Nach Erschließung weiterer Quellen war festzustellen, dass neben den öffentlich-rechtlichen Feuersozietäten in einer Vielzahl von Dokumenten die Aachen-Münchener Unterstützungskasse benannt wurde. Über 600 Feuerwehren der Provinz Sachsen waren Mitglied dieser Unterstützungskasse. Aus diesem Grund heute ein Rückblick auf das Wirken der Aachener und Münchener Feuer-Versicherungs-Gesellschaft eingegangen werden.

War man in früheren Jahrhunderten zum Wiederaufbau aus eigener Kraft nicht in der Lage, blieb nur eine freiwillige Unterstützung durch Nachbarn, durch genossenschaftliche Einrichtungen verschiedenster Art, durch den Grundherrn oder durch die Kirche. Die zur Verfügung stehenden Mittel reichten jedoch kaum für das Nötigste, da die meisten Brandereignisse der damaligen Zeit nicht nur einen Einzelnen betrafen. Aus diesem Grund spielte der Brandbettel (den Abgebrannten wurde das „Privileg“ eingeräumt für den Wiederaufbau betteln zu dürfen) lange Zeit eine wichtige Rolle. Erst in der Zeit des Merkantilismus (16. bis 18. Jahrhundert) entstehen staatliche Brandkassen oder Sozietäten. Diese stellen einen bedeutenden Fortschritt dar, denn die Versicherte bei diesen Einrichtungen hatten ein Anrecht auf Entschädigung. Die Feuersozietäten versicherten jedoch nur Immobilien, eine Versicherung für das bewegliche Hab und Gut gibt es nicht. Aus diesem Bedürfnis ergibt sich für die Feuerversicherungsgesellschaften ein erhebliches Aufgabenfeld und damit konnte auf diesem Gebiet mit einer günstigen Entwicklung gerechnet werden. Gestützt auf die wirtschaftlichen Grundlagen jener Zeit beruht das Versicherungswesen auf dem Kapital, das eine unvergleichliche Sicherheitsgrundlage darstellt.

Die ersten Anfänge eines deutschen Versicherungswesens regen sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Im Jahr 1812 wird die „Berliner Feuer-Versicherungs-Anstalt“, im Jahr 1819 die „Leipziger Feuer-Versicherungs-Anstalt“ und im Jahr 1820 die Gothaer Feuer-Versicherungsgesellschaft a. G. (auf Gegenseitigkeit)“ gegründet. Nach gründlicher Vorarbeiten und in Zuversicht, dass das Versicherungsgeschäft mit Erfolg betrieben werden kann, unternimmt David Hansemann (1790 - 04. August 1864, eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der damaligen Wirtschaft) in Aachen im Sommer 1824 mit einem „Plan der wohltätigen Feuerversicherungsgesellschaft“ den ersten Schritt. Bereits am 23. August 1824 kommt es, mit Unterstützung des Regierungspräsidenten und einer genügenden Anzahl von finanzkräftigen Männern, zur Gründung der „Aachener Feuer-Versicherungs-Gesellschaft“. Jedoch erst am 24. Juni 1825, wird die königliche Kabinettsorder erlassen, in der Friedrich Wilhelm III. seiner besonderen Zufriedenheit mit dem wohltätigen Zweck des Unternehmens Ausdruck gibt.

In der Zeit bis zur Zulassung der Aachener Gesellschaft bemüht sich Hansemann in verschiedenen Städten, geeignete Persönlichkeiten zu werben, die nach der Zulassung den Versicherungsbetrieb dort aufnehmen sollen. In Magdeburg trifft er auf den 1797 in Magdeburg geborenen Friedrich Adolph Brüggemann. Hansemann kennt sich sowohl auf dem Gebiet des Versicherungswesens als auch auf dem Gebiet des Brandschutzes sehr gut aus. So arbeitet er im Jahr 1830 einen Entwurf einer „Feuer-Ordnung“ für die Stadt Aachen aus, die auch mit einigen Änderungen angenommen und im gleichen Jahr gedruckt wird. Für die rheinischen Provinzialstände arbeitet er ein „Gutachten über die Gesetzgebung im Feuer-Versicherungs-Wesen“ aus, dass er 1834 veröffentlicht. Zu einem umfassenden Feuerversicherungsgesetz ist kommt es freilich damals in Preußen nicht. Die Aachener Feuer-Versicherungs-Gesellschaft wird 1834 als erstes „ausländisches Unternehmen“ in Bayern zugelassen.

Auf Wunsch König Ludwigs I. wird die Firma auf bayerischem Geschäftsgebiet in Münchener und Aachener Mobiliar-Feuer-Versicherungs-Gesellschaft, im übrigen Deutschland in Aachener und Münchener Feuer-Versicherungs-Gesellschaft umbenannt. 1835 ist die Aachener und Münchener das größte deutsche Feuer-Versicherungsunternehmen. Die erste große Bewährungsprobe wird 1842 der Brand von Hamburg. Diese Feuersbrunst vernichtet in vier Tagen (5. bis 8. Mai) 4.219 Gebäude, es entsteht ein Gesamtschaden von ca. 40,9 Millionen Mark. Die Gesellschaft leistet Entschädigungen in Höhe von 320.000 Talern (960.000 Mark).

In den Jahren 1845 bis 1878 leitet Friedrich Adolph Brüggemann, einer der bahnbrechenden Männer des deutschen Versicherungswesens, die Gesellschaft. 1848 wird Hansemann in Berlin Finanzminister und scheidet deshalb aus der Direktion aus.

Die Aachen-Münchener Feuerwehr-Unterstützungskasse für die Provinz Sachsen wurde im Jahr 1882 zu dem Zweck gegründet, unbemittelten Mitgliedern der dem Verbande beigetretenen Feuerwehren, welche bei Ausübung des Feuerlöschdienstes oder bei den angeordneten Übungen hierzu körperlich beschädigt und dadurch zeitig oder dauernd arbeitsunfähig werden, oder ums Leben kommen, resp. den Erben solcher Mitglieder, eine Unterstützung zu gewähren.

1893 baut die Aachener und Münchener das direkte ausländische Geschäft aus und richtet Generalagenturen in San Francisco, New York und Chicago ein. Bereits sieben Jahre später ist sie mit 50 Generalagenturen ist die Gesellschaft auf allen fünf Kontinenten vertreten. 1906 reguliert die Gesellschaft nach dem Erdbeben in San Franzisko allein rund 2000 Schadensfälle und zahlt innerhalb von nur 7 Monaten eine Entschädigung von 15 Millionen Mark, in den darauffolgenden vier Jahren sind weitere Leistungen für die Schäden der Brandkatastrophen in Kingstown auf Jamaika, Valparaiso und Valdivia (Chile) fällig.

Am 01. April 1895 sind von 685 Feuerwehren der Provinz Sachsen 191 Feuerwehren Mitglied der Aachen-Münchener Unterstützungskasse. Das Vermögen beträgt 3.479,28 Mark, die in den Jahren 1890 bis März 1895 gezahlten Unterstützungen betragen zwischen 8 Mark (Feuerwehr Elsterwerda) und 128 Mark (Feuerwehr Halle a./S.).

In seinem Bericht über die Aachen-Münchener Unterstützungskasse vor dem IV. Hauptverbandstag des Feuerwehrverbandes der Provinz Sachsen 22. Juli 1895 in Nordhausen referiert Kamerad Stengel (Halle): „Gestatten Sie mir über die Organisation der Aachener und Münchener noch einige Mittheilungen, da dieses wohlthätige Institut noch immer viel zu wenig benutzt wird und dies nur darauf zurückzuführen sein dürfte, dass die Feuerwehren über dieselbe im Unklaren sind. Die Unterstützungskasse wird von einem Ausschuss aus 5 Mitgliedern bestehend verwaltet, der selbstständig über die Höhe der Unterstützungen und über die Anlage der Gelder verfügt. Ein Vertreter der Aachener und Münchener Feuer-Versicherungs-Gesellschaft gehört dem Ausschuss an, hat aber nur berathende Stimme. Gesuche um Unterstützung sind an den Vorsitzenden des Ausschusses, zur Zeit an mich, zu richten. Unterstützungen werden so hoch bewilligt, dass der Beschädigte voll entschädigt wird, d. h. das er unter Berücksichtigung der von anderer Seite ihm zufliessenden Unterstützungen das ihm entgangene Einkommen voll ersetzt erhält und ausserdem ihm die Kurkosten erstattet werden.“ Auf einer Sitzung des Komitees der Aachen-Münchener Feuerwehr-Unterstützungskasse am 12. 04. 1897 in Wittenberg wird eingeschätzt, dass 234 Wehren der Unterstützungskasse beigetreten sind.

In der Provinz Sachsen wirkt die Unterstützungskasse der Sozietäten (Provinzial-Städte-Feuer-Sozietät der Provinz Sachsen, Land-Feuer-Sozietät des Herzogtums Sachsen und die Magdeburgische Land-Feuer-Sozietät) sowie die Unterstützungskasse der Aachen-Münchener Feuerversicherung. Am 01. April 1900 sind von 1001 Feuerwehren der Provinz Sachsen 364 Feuerwehren Mitglied der Aachen-Münchener Unterstützungskasse. Mitglied der Aachen- und Münchener Feuerwehr-Unterstützungskasse kann jede Feuerwehr der Provinz Sachsen werden; irgend welche Beiträge oder Verpflichtungen werden dabei nicht übernommen, jedoch werden Unterstützungen nur denjenigen Feuerwehren gezahlt, welche Mitglied der Kasse sind.

Die in den Jahren 1895 bis März 1900 gezahlten Unterstützungen betragen zwischen 8 Mark (Feuerwehr Weißenfels) und 189,80 Mark (Feuerwehr Halberstadt). 643 Feuerwehren sind im Jahr 1906 Teilhaber der Aachen-Münchener Unterstützungskasse.

In den darauffolgenden Jahren wird die Aachen-Münchener Unterstützungskasse nicht erwähnt bzw. fehlten dem Autor entsprechende Unterlagen.

Entsprechend einer aus dem Jahr 1934 vorliegenden Satzung der Aachener und Münchener Feuerwehr-Unterstützungskasse für die Provinz Hannover ist zu vermuten, dass die Unterstützungskasse auch in der Provinz Sachsen zu dieser Zeit noch bestand. Im Jahr 1945 brach das Geschäftsgebiet in der Sowjetischen Besatzungszone und damit auch in der Provinz Sachsen endgültig ab.

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